Infografik: Demokratie und die Fußball-Weltmeisterschaft

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Antje Kästner

2010, als Russland als Austragungsort für den FIFA World Cup 2018 ausgewählt wurde, verfügte es laut dem Polity IV Projekt über ein „anokratisches“ bzw hybrides politisches System mit leichter Tendenz in Richtung Demokratie. Obwohl Russlands Demokratiewert damit im Durchschnitt liegt, waren die meisten anderen Gastgeber der Fußball-Weltmeisterschaft zum Zeitpunkt ihrer Kandidatur deutlich demokratischer.

Nach geheimer Abstimmung im Oktober 2010, gab der FIFA-Rat Russland und Katar als Austragungsorte der Fußball-Weltmeisterschaften 2018 und 2022 bekannt und entschied sich somit für zwei nichtdemokratische Gastgeber. Die Entscheidung war begleitet von Korruptions- und Bestechungsvorwürfen vor allem seitens britischer und amerikanischer Berichterstatter.

Demokratie messen

Nun richtet Russland erstmalig die Fußball-Weltmeisterschaft aus. Das wird zum Anlass genommen, zu hinterfragen, welches Demokratieniveau in den zukünftigen Gastgeberländern zum Zeitpunkt ihrer Auswahl durch die FIFA vorherrschte. Der Polity IV Index, eine der in der Politikwissenschaft am häufigsten verwendeten Datenserien, wird als Maß für Regimetyp eingesetzt. Er betrachtet alle großen, unabhängigen Staaten über den Zeitraum von 1800–2ß16 und ordnet ihnen einen Wert zwischen minus 10 und plus 10 zu. Länder, die zwischen -10 und -6 liegen werden als „autokratisch“, solche zwischen -5 und +5 als „anokratisch“, und solche zwischen +6 und +10 als „demokratisch“ bezeichnet.

Die meisten Gastgeberländer waren Demokratien

2018 findet die 21. Fußball-Weltmeisterschaft statt. Da das sportliche Großereignis 2002 gemeinsam von Japan und Südkorea ausgerichtet wurde, gibt es bis heute 22 Gastgeberländer. Die Zeitspanne zwischen der Auswahl des Ausrichtungsorts und dem Stattfinden der Weltmeisterschaft hat stark variiert. Erstausrichter Uruguay wurde beispielsweise erst 1929 als Gastgeber der Fußball-WM im Jahr 1930 bekannt gegeben. Hingegen wurde bereits 1966 bekannt gegeben, dass Spanien vierzehn Jahre später die WM 1982 ausrichten würde.

Die Polity-Werte der 22 WM-Gastgeber zum Zeitpunkt ihrer Kandidatur zeigen, dass die Vielzahl der Länder – 14 Staaten bzw. 63,7% der Ausrichter – demokratisch waren, Weitere fünf Länder waren autokratisch, wohingegen sich lediglich drei in der Mitte des Regimespektrums aufhielten. Der durchschnittliche Polity-Wert eines FIFA Gastgeberlandes beträgt 4,7, d.h. anokratisch oder hybride mit Tendenz in Richtung Demokratie. Mit einem Wert von 4 im Jahr 2010, liegt Russland damit sehr nah am Durchschnittswert. Dennoch bildet es eher die Ausnahme.

Nichtdemokratische Gastgeber

Seit Mitte der 1980er Jahre waren alle FIFA-Gastgeberländer demokratisch. Viele von ihnen hatten den höchst möglichen Polity-Wert von +10. In früheren Jahren entschied sich die FIFA jedoch für eine handvoll autokratischer Regime, was den Polity Durchschnitt drückt. Besonders bemerkenswert sind Italien unter Mussolini (1932) und das vom Militär regierte Argentinien (1966), beide mit einem Wert von -9. Die drei hybriden Gastgeber wiesen alle eine Tendenz in Richtung Demokratie auf: Uruguay 1930, Chile 1962 und nun Russland 2018. 2022 wird die Fußball-Weltmeisterschaft jedoch zum ersten Mal in vierzig Jahren wieder von einem autokratischen Land ausgerichtet. Katar ist aber nicht irgendeine Autokratie. Laut Polity ist es eine ausgewachsene -10-Punkte-Autokratie!

Panem et Circensis

Die Wiederbelebung nichtdemokratischer Gastgeberländer hat verschiedene Gründe. Nichtdemokratische Regierungen sind permanent darauf angewiesen, sich des Zuspruchs ihrer Bevölkerung zu vergewissern. Gleichzeitig sind sie Bürgern gegenüber weniger rechenschaftspflichtig.  Aus diesem Grund investieren vor allem die Regierungen nichtdemokratischer, ressourcenreicher Ländern große Beträge in den Sport und sind bemühen sich um die Ausrichtung sportlicher Großereignisse. Das erklärt auch, weshalb der Anteil autokratischer Bewerber unter den betrachteten 46 FIFA-Kandidaten deutlich höher liegt als der Anteil von Autokratien unter den 22 Gastgeberländern. Andererseits begrüßten FIFA-Vertreter Investitionen in Sport und Sicherheit und waren, wenigstens in der Vergangenheit, offen für Bestechung.

Im Gegensatz dazu geraten die Regierungen demokratischer Länder immer mehr ins Kreuzfeuer der Öffentlichkeit, wenn es um die Vergabe öffentlicher Gelder für sportliche Großereignisse geht. Die Proteste, die die Olympischen Sommerspiele 2016 in Rio de Janeiro begleiteten, und das Nein-Votum im Referendum zu Hamburgs Kandidatur um die Olympischen Sommerspiele 2024 sind Paradebeispiele.

Neue FIFA Regeln begünstigen demokratische Kandidaten

In Reaktion auf den Korruptionsskandal innerhalb der FIFA im Jahr 2015, verabschiedete die Organisation neue Regeln zur Auswahl des Austragungsortes.  Neben bestimmten Anforderungen an Stadien, Infrastruktur und das Management, müssen Gastländer auch Menschenrechts- und Umweltschutzstandards erfüllen. Wenn die FIFA dies konsequent umsetzt, sollte man erwarten, dass zukünftige Weltmeisterschaften nur noch in demokratischen Ländern stattfinden.

 

 

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